Gestalt Weiterbildung

über Gestalt-Praxis S. Klein-Gißler

Lexikon

Hier finden Sie grundlegende Begrifflichkeiten und Erläuterungen zur Gestalt-Therapie, zu den Hintergründen und verwandten Themen und Disziplinen.
Das Lexikon wird fortlaufend ergänzt und erweitert.

Gestalttherapie

  • Die Gestalttherapie wurde in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Laura und Fritz Perls und später mit dem Schriftsteller und politischen Aktivisten Paul Goodman entwickelt.
    Beeinflusst von verschiedenen Menschen (z.B. Martin Buber, Max Reinhard, die Tänzerin Palucca), Ansätzen (z.B. Gestaltpsychologie, Existenzialismus, Phänomenologie, Holismus) und ihrer Zeit erlebten sie die Begrenztheit der psychoanalytischen Arbeit und begannen auf neue Art und Weise mit ihren Patienten zu arbeiten: sie anerkannten sie als gleichberechtigt.
    Die Gestalttherapie hat ihren Namen der Gestaltpsychologie entlehnt, die sich mit Wahrnehmung beschäftigt. So liegt der Fokus in der Gestalttherapie darauf, wie wir uns und die Welt um uns herum wahr - nehmen und unsere Wirklichkeit konstruieren. So spielt weniger die Ursachenforschung eine Rolle (das "Warum")als vielmehr die Frage des "Wie": wie gehe ich mit etwas um, das mir widerfahren ist? Wie fühlt sich etwas an? Wie gehe ich mit mir selbst um? An diesem Punkt setzt die Eigenverantwortlichkeit und damit die Eigen-Macht an.
    Letztendlich ermöglicht die Gestalttherapie Spielräume, in denen neue Variationen im Umgang mit immer wieder auftauchenden Themen und Phänomenen ausprobiert werden können. Durch diese Alternativen im Gegensatz zu automatisierten Erlebens- und Handlungsabläufen wird das eigene Menschsein wie auch die Welt um uns herum facettenreicher.

Gewahrsein

  • Die deutsche Übersetzung eines typischen Begriffes, den die amerikanischen GestalttherapeutInnen verwendet haben: "Awareness".
    Von Gewahrsein können wir dann sprechen, wenn wir wissentlich - also bewusst - wahrnehmen. Gewahrsein dient keinem Selbstzweck, sondern richtet sich danach, was dem Organismus gerade wichtig ist, welche Bedürfnisse er hat. So findet mittels des Gewahrseins immer eine  Auswahl statt, was gerade wahrgenommen wird. Im Gegensatz zu Wahrnehmung ist also Gewahrsein aktiver und gerichtet.
    In der Gestalttherapie liegt der Fokus darauf mittels des Gewahrseins zu unterscheiden zwischen Wahrnehmung und Vorstellung. KlientInnen werden dabei vom Gestalttherapeuten unterstützt, ihr Gewahrsein so  an der Wirklichkeit auszurichten, dass es Ihrem Handeln dient.

Haltung

  • Lange Zeit wurde die Gestalttherapie als ein Sammelsurium an Methoden angesehen. Jedoch zeichnet sich die Gestalttherapie dadurch aus, dass sie auf intuitivem Verständnis beruht. Techniken und Methoden sind dann die Gelegenheit für den Ausdruck der inneren Haltung, welche die wirkliche Arbeit ausmacht. Es sind Handlungen, die in einem bestimmten Geist ausgeführt werden. Claudio Naranjo (chil. Arzt und Gestalttherapeut) fokussierte den Kern der Haltung des Gestalttherapeuten auf drei Aspekte: 1. Sinn für das Gegenwärtige, die Präsenz. 2. das Gewahrsein und die Akzeptanz der Erfahrung und 3. Sinn für das Ganze und Verantwortung. Diese drei Aspekte können als Facetten einer Haltung identifiziert werden: indem wir angemessen auf eine aktuelle Situation  antworten, sind wir verantwortlich, was voraussetzt, dass wir präsent, also im Hier und Jetzt sein. Wirklich präsent zu sein beinhaltet, sich der Gegenwart gewahr zu sein. Und Gewahrsein wiederum ist auch Präsenz und unvereinbar mit der Illusion der Unverantwortlichkeit.

Kontakt

  • Von lateinisch: tangere = berühren
    Der zentrale Begriff der Gestalttherapie und bezeichnet den Austausch zwischen Organismus und Umwelt. Oder anders ausgedrückt: es gibt ein Ich, das sich in Bezug zu etwas oder jemand ANDEREM erlebt. Miriam und Erving Polster sprechen davon, dass Kontakt das Herzblut von Entwicklung ist. Aus dem Bereich der Gestalt-Psychologie wissen wir, dass wir uns immer nur auf ein Phänomen zu einer Zeit konzentrieren können. Dies wird in der Gestalt "in Kontakt sein" genannt. Lernen und Wachstum setzt diesen Zustand voraus. Im Kontaktprozess können wir verschiedene Phasen wahrnehmen:
    1. Ich nehme wahr, dass etwas nicht identisch ist mit dem eigenen Organismus.
    2. ich erkenne dies als "nahrhaft" oder "giftig"
    3. Die "aggressive" Hin-Bewegung oder die "aggressive" Abwehr dessen, was sich als nicht aufnehmbar herausstellt
    4. Ich assimiliere, integriere, was ich brauchen kann, ich wachse.
    Ein besondere Aspekt stellt der Kontakt zu sich selbst dar. Der innere Kontakt entsteht durch die Fähigkeit uns in BeobachterIn und BeobachteteN spalten zu können. Diese Spaltung dient der inneren Entwicklung.

Kontaktfunktionen

  • Wir verfügen in der Regel über sieben Kontaktfunktionen:
    -
    Sehen
    -
    Hören
    -
    Riechen
    -
    Schmecken
    -
    Tasten
    -
    Bewegen
    -
    Sprechen
    Darüber hinaus hat die Gestalttherapie den Begriff erweitert um die Kontaktmodifikationen (G. Wheeler):
    - Introjektion
    -
    Projektion
    -
    Konfluenz
    -
    Retroflektion
    -
    Deflektion
    - Egotismus

Kontaktfähigkeit

  • Ist ein Mensch fähig Kontakt anzubieten, so sprechen wir von Kontaktfähigkeit - die wichtigste Kompetenz, die ein Gestalt-Berater, -Therapeut, - Pädagoge mitbringen muss. Sich kontaktfähig zu zeigen bedeutet auch, von sich aus alle Bedingungen zu erfüllen, dass Kontakt möglich wird, auch dann, wenn das Gegenüber dies nicht tut.Gleichzeitig ist Kontaktfähigkeit ein Ziel, auf das in der Gestaltarbeit hingearbeitet wird.
    Die eigene Kontaktfähigkeit zu reflektieren, die eigenen Muster aufzuspüren, wie Kontakt geschaffen bzw. verhindert wird, Grenzen zu spüren, Tabus aufzudecken, ist ein lebenslanger, spannender Prozess.

Wahrnehmung

  • Die Gestaltpsychologie definiert Wahrnehmung als Interpretation von vielfältigen Reizen, die auf uns Menschen treffen. Nach aristotelischer Sichtweise stellten die Gestalttherapeuten F. Perls, Hefferline und Goodman das Wahr-nehmen als berühren und berührt -werden in den Vordergrund: Der Wahrnehmende berührt mittels seiner Sinnesorgane das Objekt und wird wiederum davon berührt (schmecken, tasten, sehen, fühlen…). Ein allgemeinerer Begriff dafür ist der Kontakt. Wahrnehmung findet an der Grenze zwischen Organismus und Umwelt statt - an der Kontaktgrenze.
    Schon Kant wies auf ein grundlegendes Problem hin: wir können nicht die Dinge an sich erkennen, sondern nur so, wie es unsere Wahrnehmungs-Filter zulassen. Oftmals unterstellen wir den Dingen bzw. Menschen beim Wahrnehmen etwas, sodass wir nach Gunther Schmidt auch von "Wahr-Gebung" sprechen könnten. Auch wenn uns dieses "objektive" Wahrnehmen niemals gelingen wird, so ist die Perspektive der Gestalttherapie die, möglichst vorsichtig mit Interpretationen und Bewertungen zu agieren, vielmehr genau hinzusehen und hinzuhören.

 

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